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„In diesem Kleid sehe ich aber dick aus.“ Oder: „Willst du wirklich so rausgehen?“ Sätze, die vermutlich jede Frau in ihrem Leben schon einmal gehört hat. In ihrem Buch Unshame beschäftigt sich die ehemalige Fitnessinfluencerin Louisa Dellert mit Körperidealen und der gesellschaftlichen Vorstellung davon, wie der „perfekte“ Frauenkörper auszusehen hat. Sie hinterfragt kritisch, wie diese Ideale entstanden sind, ob sie überhaupt erreichbar sind und wer letztlich von ihnen profitiert.
Gleichzeitig nimmt sie die Lesenden mit auf eine Reise durch ihre eigene Vergangenheit und spricht offen über ihre Erfahrungen mit Bodyshaming, Essstörungen und dem inneren Druck, einem sich ständig wandelnden Schönheitsideal gerecht werden zu wollen. Unshame ist ein persönliches Plädoyer für einen liebevolleren Umgang mit dem eigenen Körper – und dafür, ihn als das zu sehen, was er wirklich ist: unser Zuhause.
Professionelle Büchersammlerin und Teilzeit verantwortungsvolle Erwachsene
Hallo, meine lieben Bookdragons. Ich freue mich sehr, dass wir uns hier treffen. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass auch viele Männer ihren Weg zu dieser Review finden. Nicht, weil Bodyshaming oder unrealistische Schönheitsideale ausschließlich Frauen betreffen würden – das tun sie definitiv nicht. Auch Männer stehen unter Druck, einem bestimmten Körperbild entsprechen zu müssen. Trotzdem glaube ich, dass viele Frauen, queere Menschen, People of Color und andere Menschen, die nicht dem Bild des weißen cis Mannes entsprechen, sich im Alltag häufiger mit diesen Themen auseinandersetzen müssen. Für viele ist das keine neue Debatte, sondern gelebte Realität. Umso mehr wünsche ich mir, dass auch Menschen diese Review lesen, die sich bisher vielleicht noch nicht so intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Denn ich glaube, dass dieses Buch nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch dabei helfen kann, andere Perspektiven besser zu verstehen.
Ich persönlich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut. Bookdragons, die schon einige meiner Reviews gelesen haben, wissen: Ich bin eine stolze Feministin. Daher sollte es nicht überraschen, dass das Thema dieses Buches mich sofort magisch angezogen hat. Tatsächlich habe ich selbst meine Bachelorarbeit darüber geschrieben, wie Frauen medial dargestellt werden und wie sich diese Darstellungen auf unsere gesellschaftliche Wahrnehmung auswirken. Ich bin also mit etwas Vorwissen an diesen Read gegangen und war gespannt, ob ich einige Konzepte und Studien wiederfinden würde. Vor allem war ich aber neugierig, welche Perspektiven Louisa Dellert dem Thema hinzufügen würde. Und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht.
Schon das Vorwort hat mich sofort abgeholt. Louisa Dellert schreibt unglaublich zugänglich. Man braucht keinerlei Vorwissen, um zu verstehen, worauf sie hinausmöchte. Gleichzeitig schafft sie eine sehr persönliche Ebene, auf der man nicht nur ihre Gedanken versteht, sondern auch ihre Gefühle nachvollziehen kann. Tatsächlich habe ich während des Vorworts mehrmals gedacht: Das hätte auch ich sein können. Die kleine Lou, die sich für ihren Körper und ihr Essverhalten schämt, hätte genauso gut die kleine Lisa sein können. Und ich glaube ehrlich gesagt, dass ich damit nicht alleine bin. Wenn wir einmal ehrlich auf unsere Kindheit zurückblicken, werden viele feststellen, dass die kleine Lou, die kleine Lisa und wahrscheinlich auch eure jüngeren Ichs erschreckend viel gemeinsam haben.
Schon im ersten Kapitel stellt Louisa Dellert eine Studie von Anne E. Becker vor. Sie untersuchte das Schönheitsideal junger Mädchen auf den Fidschi-Inseln vor und nach der Einführung westlicher Fernsehprogramme. Das Ergebnis ist erschreckend: Während die meisten Mädchen zuvor mit ihrem Körper zufrieden waren, gaben nach der Einführung westlicher Medien rund 74 Prozent an, sich manchmal oder sogar häufig zu dick zu fühlen. Gleichzeitig nahm auch problematisches Essverhalten deutlich zu.
Ehrlich gesagt hat mich dieses Ergebnis leider nicht überrascht. Während meiner Bachelorarbeit bin ich auf ähnliche Studien gestoßen. Das Traurige daran ist für mich aber etwas anderes: Über diese Forschung wird viel zu selten gesprochen. Dabei zeigen genau solche Studien, dass Schönheitsideale nicht einfach „natürlich“ entstehen, sondern gesellschaftlich geprägt werden – und ganz reale Auswirkungen auf unser Leben haben. Doch solche Ergebnisse an die große Glocke zu hängen wäre vermutlich ziemlich schlecht für unser kapitalistisches Patriarchat. Aber dazu kommen wir später noch. Im Folgenden gibt Louisa Dellert einen Überblick über die Schönheitsideale der vergangenen Jahrhunderte und zeigt damit eindrucksvoll, dass es das eine richtige Aussehen gar nicht gibt. Gleichzeitig wird deutlich, dass Frauen schon immer unter den Schönheitsstandards ihrer Zeit gelitten haben. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir, dass Frauen im Mittelalter sich Haare und Wimpern ausrissen und zupften, um als begehrenswert zu wirken. Dass diese Art der Selbstverstümmelung gängig war, hat mich wirklich schockiert. Aber auch heute profitieren attraktivere Menschen vom sogenannten Pretty Privilege und dem HALO-Effekt. Damit ist gemeint, dass wir Menschen aufgrund ihres Aussehens bestimmte Eigenschaften zuschreiben und attraktive Personen automatisch als intelligenter, sympathischer oder kompetenter wahrnehmen. Schon spannend, wie unsere Psyche da funktioniert. Gleichzeitig sollten wir anfangen, diese Mechanismen bewusst zu hinterfragen und unsere eigenen Denkmuster kritisch zu reflektieren. Da stimme ich Louisa Dellert voll und ganz zu.
Ein weiterer Abschnitt, der mich besonders angesprochen hat, war die Frage, wie sehr wir uns durch Celebrities oder Fernsehsendungen wie GNTM beeinflussen lassen. Gerade in Zeiten von Social Media und Filtern beschäftigt mich dieses Thema sehr. Louisa Dellert macht deutlich, dass wir meistens nur sorgfältig inszenierte und häufig retuschierte Momentaufnahmen sehen. Die permanente Konfrontation mit dem vermeintlich perfekten Aussehen anderer kann unser Selbstbild und unsere psychische Gesundheit massiv beeinflussen. Doch genau das ist das Ziel. Und hier sind wir wieder beim kapitalistischen Patriarchat. Frauen, die unzufrieden mit ihrem Körper sind, geben Geld aus. Schließlich wollen sie ihn optimieren, um dazuzugehören oder endlich auch das Pretty Privilege zu genießen. Ich bin fast hintenübergefallen, als ich gelesen habe, wie viel Umsatz die Diätindustrie in Europa jährlich macht: 93 Milliarden Euro. Und wir reden hier „nur“ von der Diätindustrie. Es gibt noch deutlich mehr Industrien, die mit den optischen Unsicherheiten von Frauen spielen und damit Milliarden verdienen. Und bevor es an dieser Stelle laut wird: Ja, mir ist bewusst, dass auch Männer Diätprodukte kaufen und konsumieren. Statistisch sind es eben trotzdem mehrheitlich Frauen.
Und das Thema Ernährung hört hier nicht auf. Seid ehrlich mit euch, Bookdragons: Habt ihr nicht auch schon einmal gedacht: „Heute habe ich Sport gemacht, da kann ich mir das Eis gönnen“? Oder beim ersten Date lieber den Salat bestellt als die Spaghetti oder das Schnitzel mit Pommes? Wir teilen Essen in gut und schlecht ein und sprechen Menschen, die sich „gut“ ernähren, automatisch mehr Disziplin und Kontrolle über ihr Leben zu.
Auch hier habe ich mich Louisa Dellert wieder sehr nah gefühlt. Denn nicht nur sie hat solche Erfahrungen mit Essen gemacht. Auch ich konnte mir in meiner Kindheit regelmäßig Sprüche zu meinem Essverhalten anhören. Von „Ist ja klar, dass Lisa noch ein Stück Kuchen isst“ über „Na, du hast aber Hunger“ bis hin zu „Guck, da ist sie die Erste, die zum Buffet geht“. Solche Kommentare waren fast Normalzustand. Und sie haben mich zutiefst verletzt. Ich begann mich zu fragen, ob andere mich wirklich genauso sahen, wie diese Kommentare es vermuten ließen: als zu dick, zu undiszipliniert und nicht liebenswert genug. Und auch wenn ich meiner Familie irgendwann offen, unter Tränen gestanden habe, wie sehr mich diese Sprüche verletzen, trage ich sie noch immer mit mir. Mir fällt es zum Beispiel schwer, vor Leuten zu essen, die ich nicht gut kenne, aus Angst, sie könnten denken, ich sei „zu verfressen“. Selbst wenn ich unglaublich Lust auf ein Dessert habe, frage ich am Tisch meistens erst, ob noch jemand eines möchte. Wenn alle verneinen, traue ich mich oft nicht, nur für mich eines zu bestellen. Rational weiß ich, dass daran überhaupt nichts schlimm ist. Aber irgendwo im Hinterkopf sitzt immer noch die Angst, andere könnten denken: „Siehst du? Sie kann einfach nicht aufhören zu essen.“ Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich nie eine Essstörung entwickelt habe. Trotzdem haben diese Kommentare Spuren hinterlassen – und sie beeinflussen mein Verhalten bis heute. Ich arbeite aktiv an diesen Unsicherheiten und sie sind deutlich besser geworden. Aber ich möchte euch trotzdem bitten: Lasst solche Kommentare. Sie helfen niemandem und hinterlassen Spuren – besonders wenn man sie schon als Kind hört. Vielleicht sind die gut gemeint, weil man wirklich besorgt um den Gesundheitszustand einer Person ist. Aber dann sprecht genau das offen und ruhig an, anstatt solche Sprüche zu liefern. Ihr wisst nie, welche Geschichte jemand mit seinem Körper oder seinem Essverhalten verbindet. Seid einfach freundlicher zueinander.
Wenn man Louisas Erfahrungen mit meinen eigenen und vermutlich auch vielen eurer Erfahrungen verbindet, überrascht es kaum, dass die Diätindustrie gerade mit Frauen Milliarden verdient. Was mich jedoch stark geschockt hat, war Louisas Recherche zum Thema Abnehmspritzen. Dass diese Medikamente teilweise nur einen Klick entfernt sind und sich mit etwas Flunkern im Fragebogen ohne ärztliches Gespräch bestellen lassen, halte ich für mehr als bedenklich. Spätestens hier wird deutlich, dass all diese Themen kein Zufall sind, sondern Teil eines größeren Musters. Wohin dieser Abnehmwahn führen kann, zeigt eine Studie der Firma Dove, die Louisa Dellert ebenfalls vorstellt. Dort gab jede fünfte Frau an, dass sie fünf Jahre ihres Lebens opfern würde, um schöner auszusehen. Hier sollte ganz deutlich klar werden, wie groß der Druck ist, unter dem viele Frauen stehen. Wenn jede fünfte Frau bereit wäre, fünf Jahre ihres Lebens für ein vermeintlich schöneres Aussehen zu opfern, dann reden wir längst nicht mehr über Eitelkeit. Wir reden über ein gesellschaftliches Problem.
Was mich außerdem traurig macht, ist, dass wir Frauen uns viel zu oft gegenseitig als Konkurrenz wahrnehmen und miteinander vergleichen. Gerade weil wir es in den gegebenen Gesellschaftsstrukturen doch alle schon schwer genug haben, sollten wir uns mehr unterstützen. Besonders deutlich wurde das für mich durch eine Geschichte, die Louisa Dellert über eine Freundin erzählt. Diese würde gerne zum Pilates gehen, traut sich aber nicht, weil sie online immer nur Frauen mit dem perfekten Outfit und dem perfekten Body sieht. Sie hat das Gefühl, dort nicht reinzupassen. Auch hier habe ich mich wiedererkannt. Ich habe ebenfalls schon in ihren Schuhen gesteckt und wollte unbedingt zum Pilates. Zunächst habe ich zuhause mit Online-Videos trainiert, weil ich dachte, ich müsste erst „gut genug“ sein, bevor ich mich in einen echten Kurs traue. Schließlich wollte ich mit den ganzen fitten Frauen mithalten können, die ich ständig auf Social Media gesehen habe. Als ich dann den Mut hatte, mich bei einem Pilates-Kurs anzumelden, war ich ganz überrascht. Dort waren Frauen jeden Alters und jeder Körperstatur. Ja, auch die fitten Frauen, wie man sie online sieht, waren da. Aber eben nicht nur. Und im Kurs haben auch immer mal wieder Leute gestöhnt und eine Übung abgebrochen, weil es so anstrengend war. Was ich damit sagen will: Nur weil Social Media euch ein gewisses Bild vermittelt, heißt das nicht, dass es im echten Leben so ist. Ich mache mittlerweile seit mehreren Jahren Pilates und liebe meine Gruppe und meine Trainerinnen. Sie haben mir nie das Gefühl vermittelt, dass ich dort nicht reinpassen würde. Traut euch, neue Dinge auszuprobieren! Oder fragt vorher einfach mal nach, wie die Kurse bei euch aufgebaut sind. Ich glaube, viele von euch werden positiv überrascht sein.
Doch das Thema Body hört an dieser Stelle natürlich noch nicht auf. Wir sind selbst viel zu streng mit unseren Körpern und vergleichen uns ständig mit oft unerreichbaren Idealen. Gleichzeitig werden Frauenkörper von außen immer wieder kommentiert. Das Stichwort: Bodyshaming. Dieses ist insbesondere auf Social Media ein großes Thema. Immer wieder finden Frauen abwertende Kommentare über ihren Körper unter ihren Posts – völlig egal, worum es in dem Post überhaupt ging. Selbst wenn eine Frau wahnsinnig talentiert ist, kehrt der Fokus immer wieder auf ihren Körper zurück, anstatt ihr Talent in den Vordergrund zu stellen. Louisa Dellert arbeitet dieses Phänomen anhand bekannter öffentlicher Frauen wie Nelly Furtado, Ricarda Lang oder Jennifer Aniston heraus. Die Kommentare, die diese Frauen sich täglich über ihr Aussehen anhören müssen, machen mich wütend. Immer wieder wird Frauen ihre Kompetenz abgesprochen und sie werden auf ihr Äußeres reduziert. So als wären wir nur Beiwerk. Dabei sind wir Menschen, die Gefühle haben und ein Gehirn. Richtig. Wir sind mehr als nur unser Äußeres. Das solche abwertenden Kommentare häufig vom männlichen Geschlecht stammen, ist leider auch nicht überraschend. Umso mehr feiere ich Menschen, die auf Social Media laut werden und solchen Kommentaren widersprechen oder die Verfassenden öffentlich mit ihrem Verhalten konfrontieren. Dass sich hier zunehmend Gegenwind bildet, stimmt mich tatsächlich hoffnungsvoll.
Ein weiteres großes Thema, das Louisa Dellert anspricht, ist Fettfeindlichkeit. Das bedeutet nicht, dass Bodyshaming nicht auch dünne Menschen betrifft! Diese Erfahrungen möchte ich keinesfalls kleinreden. Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass dicke Menschen nicht nur unter Kommentaren zu ihrem Äußeren leiden. Louisa Dellert fasst es schön zusammen: „Dicke Menschen erleben nicht nur im Alltag Abwertung, sondern beispielsweise auch bei der Jobsuche, auf dem Wohnungsmarkt und in der medizinischen Vorsorge.“ Mit anderen Worten: Unsere Gesellschaft erschwert dicken Menschen in vielen Bereichen die gleichberechtigte Teilhabe am Leben – weit über verletzende Kommentare hinaus. Viele von uns haben sich vielleicht schon einmal dabei ertappt, einer Person aufgrund ihres Einkaufs unbewusst Eigenschaften zuzuschreiben. Vielleicht liegt auf dem Kassenband eine Tafel Schokolade oder eine Tüte Chips und sofort ist der Gedanke da: „Kein Wunder.“ Doch wir kennen weder die Lebensrealität dieser Person noch ihren Gesundheitszustand oder ihre Geschichte. Vielleicht kauft sie für ihre Kinder ein. Vielleicht gönnt sie sich nach einer anstrengenden Woche einfach etwas, das sie mag. Vielleicht kämpft sie mit einer Krankheit. Wir wissen es schlicht nicht. Das Körpergewicht eines Menschen sagt nichts über seinen Wert, seinen Charakter oder darüber aus, wie respektvoll wir ihm begegnen sollten. Jeder Mensch verdient diesen Respekt – unabhängig von seiner Kleidergröße!
Louisa Dellert spricht aber auch ein weiteres wichtiges Thema an: White Privilege. Also, dass Menschen mit weißer Hautfarbe in unserer Gesellschaft bevorzugt und anders behandelt werden. An dieser Stelle möchte ich mich ihr anschließen und betonen, dass auch ich aus einer privilegierten Perspektive als weiße Frau schreibe. Und wie ich in diesem Kapitel festgestellt habe, habe auch ich noch viel zu lernen. Natürlich ist mir bewusst, dass Schwarze Frauen und Women of Color es in unserer Gesellschaft deutlich schwerer haben. Trotzdem habe ich während des Lesens festgestellt, dass mir einige Probleme nicht bewusst waren, schlicht weil sie meine Lebensrealität nicht betreffen. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, dass Schwarz am Anfang großgeschrieben eine bewusste politische Positionierung und Selbstbezeichnung von Schwarzen Menschen und People of Color ist. Erschreckend fand ich zudem, dass Hautaufhellungscremes ein großes Thema sind und besonders in Indien, Afrika und Asien der Markt boomt, da helle Haut noch immer als mehr wert angesehen wird. Und ich sage es ehrlich: Ich war schockiert, wie wenig ich über viele dieser Probleme wusste. Das hat mir einmal mehr gezeigt, wie leicht man Themen übersieht, die einen selbst nicht unmittelbar betreffen. Genau deshalb finde ich es so wichtig, zuzuhören und dazuzulernen.
Andere Probleme, die Louisa Dellert anspricht, habe ich jedoch auch schon beobachtet. Vor allem, dass Schwarze Frauen in Drogerien oft keine Foundation finden, die ihren Hautton abdeckt. Da ich selbst beruflich aus der Drogerie komme, konnte ich dieses Problem immer wieder beobachten. Es kam regelmäßig vor, dass Schwarze Kundinnen keine passende Foundation gefunden haben. Wie kann es sein, dass große Kosmetikmarken für einen erheblichen Teil der Bevölkerung kaum passende Produkte im Regal haben? Oder auf Onlinebestellungen verweisen, wo vorher nicht einmal getestet werden kann, welche Shade die richtige ist? Für viele weiße Menschen mögen solche Situationen wie Kleinigkeiten wirken. Tatsächlich zeigen sie aber, wie tief Ungleichbehandlung in alltäglichen Strukturen verankert sein kann. Daher bin ich sehr dankbar für die Buch- und Podcast-Empfehlungen, die Louisa Dellert über die Lebensrealität von Schwarzen Frauen und Women of Color angefügt hat. Denn ich möchte mich an dieser Stelle gerne weiterbilden, um zu einer Lösung beizutragen!
Daher, auch an dieser Stelle zwei Aufrufe an euch Bookdragons:
Nehmt euch einen Moment Zeit und fragt euch ehrlich, wie viel ihr über die Lebensrealität Schwarzer Menschen und People of Color wisst – und ob es Bereiche gibt, in denen ihr euch noch weiterbilden möchtet.
Wenn ihr Empfehlungen habt, egal ob Bücher, Podcasts, Filme oder Serien, die sich mit diesem Thema beschäftigen, schickt sie mir oder schreibt sie in die Kommentare, damit wir alle dazulernen können!
Nun. Bisher hat das Buch also Schönheitsideale, den inneren Druck und die äußere Bewertung von Frauen angesprochen. Was ist also folglich der nächste Schritt? Richtig: die vermeintliche Optimierung des eigenen Körpers. Dabei geht es nicht nur um Sport, sondern auch um chirurgische Eingriffe. Von „kleinen Eingriffen“ wie Botox bis hin zum Boob Job oder Butt Lift ist alles dabei. Ich möchte an dieser Stelle deutlich klar machen, dass jede Person frei über ihren Körper entscheiden soll. Auch möchte ich solche Eingriffe nicht verteufeln. Sie können schließlich dazu führen, dass eine Person, die zuvor unter großem Leidensdruck gelitten hat, sich nun wohler in ihrem Körper fühlt. Trotzdem finde ich es wichtig, dass Louisa Dellert darauf hinweist, dass die zunehmende Präsenz solcher Eingriffe in den sozialen Medien dazu führt, dass sich immer mehr Menschen überhaupt erst mit dem Gedanken beschäftigen, ihren Körper operativ verändern zu lassen. Zudem sind all diese Eingriffe mit Risiken verbunden. Und das sollte man ernst nehmen. Eine Sache, die mich zu diesem Thema sehr überrascht hat, ist, dass der Begriff „Schönheitschirurg“ nicht geschützt ist und dafür kein Facharzttitel nötig ist. Da ist mir der Mund offen gestanden. Sollte nicht gerade in solchen Bereichen eine entsprechende Qualifikation unbedingt notwendig sein? Durch dieses Hintergrundwissen blicke ich heute noch einmal ganz anders auf das Thema. Deshalb kann ich allen Bookdragons, die über einen kosmetischen Eingriff nachdenken, nur raten, sich gründlich zu informieren, verschiedene Meinungen einzuholen und insbesondere auf die Qualifikationen der behandelnden Person zu achten. Bitte spielt niemals leichtfertig mit eurer Gesundheit oder gar eurem Leben.
Bei all den Themen, die das Buch bislang angesprochen hat, fand ich einen Gedanken besonders wichtig: Louisa Dellert macht deutlich, dass wir uns wohl alle nicht vollständig davon freisprechen können, den eigenen oder fremde Frauenkörper zu bewerten. Viele dieser Denkmuster sind Ausdruck einer internalisierten Frauenfeindlichkeit, die sich über Jahrhunderte in einer patriarchalen Gesellschaft entwickelt hat. Und genau das fand ich so spannend. Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen Frauen bewusst abwerten oder verletzen wollen. Vieles passiert automatisch, weil wir mit diesen Vorstellungen aufgewachsen sind und sie nie hinterfragt haben. Genau deshalb ist es so wichtig, sich dieser Mechanismen bewusst zu werden. Denn nur wenn wir erkennen, dass Frauen in vielen Bereichen unserer Gesellschaft noch immer benachteiligt werden, können wir anfangen, unser eigenes Denken und Handeln zu verändern. In diesem Zusammenhang erklärt Louisa Dellert auch den Male Gaze – ein Konzept, das aus meiner Sicht eine zentrale Rolle in der Debatte über Sexismus und Gleichberechtigung spielt. Es beschreibt den Blick auf Frauen aus einer männlich geprägten Perspektive, in der Frauen häufig für den Blick und die Wünsche von Männern inszeniert werden. Ursprünglich stammt die Theorie aus der Filmwissenschaft, doch meiner Meinung nach lässt sie sich auf viele Bereiche unseres Alltags übertragen.
Genau in diesem Zusammenhang muss ich hervorheben, dass ich es extrem positiv finde, dass Louisa Dellert nicht nur ihre eigenen Erfahrungen mit uns teilt, sondern auch ganz offen anspricht, dass sie selbst über Jahre Teil des Problems war und durch ihre Inszenierungen ein falsches Bild nach außen vermittelt hat. Das fand ich unglaublich reflektiert und überaus sympathisch! Es zeigt, dass sie das Thema wirklich ernst nimmt und nicht einfach von oben herab predigt, sondern das, was sie schreibt, auch auf sich selbst anwendet. Genau so sollte es sein. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass die Beautybranche Frauen bewusst Unsicherheiten verkauft, um anschließend an genau diesen Unsicherheiten Geld zu verdienen. Ständig wechseln die Beautytrends, denen wir hinterherrennen, nur um bloß irgendwie ins Schema zu passen. Ich glaube, das beste Beispiel dafür sind unsere Augenbrauen. Erst sollten sie möglichst dünn sein, dann waren plötzlich buschige Brauen angesagt. Blöd nur, dass viele ihre Augenbrauen zuvor so stark ausgezupft hatten, dass sie sie anschließend mit Permanent Make-up wieder auffüllen lassen mussten. Ihr merkt, worauf ich hinauswill? Frauen sollen Geld ausgeben. Erinnert ihr euch noch an den Anfang der Review und das kapitalistische Patriarchat? Tja – da sind wir wieder. Gleichzeitig werden die Models, an denen wir uns orientieren sollen, immer jünger. Das verschiebt den vermeintlichen Schönheitsstandard immer weiter in eine Richtung, die für die allermeisten Frauen unerreichbar ist. Und genau deshalb fühlt es sich manchmal so an, als könne man als Frau in diesem System eigentlich nur verlieren.
Was mir außerdem sehr gut gefallen hat, war, dass Louisa Dellert auch offen über die Sexualisierung des weiblichen Körpers spricht. Als Beispiel bringt sie „Nipple-Gate“, also den Nippel-Blitzer von Janet Jackson während ihrer Super Bowl Halftime Show. Ein Event, über das heute noch immer gesprochen wird. Da ich zu dem Zeitpunkt dieses „schockierenden Vorfalls“ (was, Frauen haben Nippel!?) erst sechs Jahre alt war, war mir tatsächlich nicht allzu viel darüber bekannt. Trotzdem konnte ich „Nipple Gate“ sofort einordnen. Verrückt, wie skandalisiert die Menschheit über ein natürliches Körperteil ist, das sowohl Männer als auch Frauen haben, dass noch Jahre später darüber gesprochen wird. Was mir aufgrund meines Alters jedoch nicht bekannt war, war Justin Timberlakes Beteiligung und sein Kommentar danach. Überrascht bin ich leider trotzdem nicht, dass Janet Jackson für den Unfall verantwortlich gemacht und zu einer öffentlichen Entschuldigung gedrängt wurde. Doch leider werden Frauenkörper immer wieder sexualisiert und als Problem dargestellt. Stichwort: Kleidung in der Schule, weil sie sonst den Lehrer oder die Mitschüler ablenkt. Dabei liegt das Problem nicht an der Kleidung beziehungsweise den Körpern der Mädchen, sondern bei den Menschen, die diese sexualisieren. Wir sollten wirklich alle daran arbeiten zu lernen, dass Körper einfach nur Körper sind. Punkt.
Auch die Sexualisierung und Scham, die Frauen für ihren Körper empfinden sollen, beginnt bereits in der Benennung der Körperteile. Zum Beispiel die SCHAMlippen, der SCHAMbereich oder SCHAMhaare. Alles Körperteile, für die man sich überhaupt nicht schämen braucht. Deswegen hat es mich auch gefreut, dass sie den Begriff „Vulvina“ vorgestellt hat. Den möchte ich mir gerne auch für meinen Sprachgebrauch antrainieren. Das Kapitel über die weibliche „Scham“ war zwar nur kurz, aber ich fand es trotzdem sehr einprägsam.
Abschließend geht Louisa Dellert auch noch auf das Thema Ageismus ein. Also die Benachteiligung, Abwertung oder Stereotypisierung von Menschen aufgrund ihres Lebensalters – insbesondere von Frauen. Als Frauen wird uns vermittelt, dass wir möglichst lange möglichst jung aussehen sollen. Sonst bleiben wir einfach nicht relevant. Immerhin ist es doch unser aller Ziel, dass Männer uns attraktiv finden. Hört ihr den Sarkasmus? Ich hoffe ja. Reden wir zu diesem Thema beispielhaft über die Filmbranche. Wird eine Frau optisch älter, bekommt sie weniger Rollen oder wird stereotypisch nur noch als Mutter oder später eben als Oma besetzt. Nicht so wie Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger oder Jason Statham, die auch im steigenden Alter noch als Action-Stars und Frauenschwärme vermarktet werden. Frauen mit Falten sind dann halt die tüddelige Nachbarin oder schlicht und ergreifend Beiwerk. Selten hört man Gespräche darüber, welche Schauspielerin mit dem Alter noch hübscher geworden ist, während männlichen Kollegen hinterhergesagt wird, sie reiften wie ein guter Wein. Männer dürfen altern und gelten dabei oft sogar als attraktiver oder charismatischer. Frauen hingegen sollen möglichst zeitlos jung aussehen. Tun sie das nicht, verlieren sie in den Augen vieler Menschen an Sichtbarkeit und Wert. Genau diese Ungleichbehandlung kritisiert Louisa Dellert – und meiner Meinung nach völlig zurecht. Ein Thema, über das noch nicht genug gesprochen wird.
Und genau das hat Louisa Dellert mit diesem Buch großartig umgesetzt. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, benennt gesellschaftliche Probleme klar, belegt sie mit Studien und eigenen Erfahrungen und macht auf Missstände aufmerksam, über die wir viel häufiger sprechen sollten. Gleichzeitig bleibt sie unglaublich nahbar. Gerade durch die Offenheit, mit der sie ihre eigene Geschichte erzählt, wird das Buch auch für Menschen zugänglich, die sich mit diesen Themen bisher kaum auseinandergesetzt haben.
Louisa Dellert schafft es nicht nur, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, sondern auch uns als Lesenden. Immer wieder lädt sie dazu ein, das eigene Denken und Handeln ehrlich zu hinterfragen – ohne dabei mit dem Finger auf andere zu zeigen. Für mich ist Unshame ein Buch, das ich wirklich jedem empfehlen würde. Ganz egal, ob ihr euch bereits intensiv mit Feminismus, Bodyshaming oder Schönheitsidealen beschäftigt, gerade erst beginnt, euch mit diesen Themen auseinanderzusetzen oder bisher nur wenige Berührungspunkte hattet. Die große Stärke des Buches liegt für mich in seiner Nahbarkeit. Es macht komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich und schafft es gleichzeitig, Mitgefühl und Selbstreflexion anzustoßen.
Ich bin wirklich davon überzeugt, dass dieses Buch den Blick vieler Menschen verändern kann. Und ist das nicht genau das, was gute Sachbücher erreichen sollten? Sie vermitteln Wissen, regen zum Nachdenken an und geben Denkanstöße, die weit über die letzte Seite hinausreichen. Genau das ist Unshame für mich. Deshalb gibt es von mir eine klare 5 von 5 Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.
Man darf sich in seinem Körper unwohl fühlen und auch mal mit sich hadern - und hat trotzdem immer das Recht auf Würde und Sichtbarkeit
"Wenn alle Frauen der Welt morgen aufwachen und sich wirklich positiv und mächtig in ihren Körpern fühlen würden, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen."
Laurie Penny
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